Neunzig Minuten Was ein Gespräch über den Weg eines Menschen verrät
Essay
Ich sitze im Auto nach einem Erstgespräch und stelle mir diese Frage, bevor ich an Kompetenzen denke. Wo auf dem Weg steht dieser Mensch mir gerade gegenüber. Am Anfang, noch in der alten Rolle gefangen, die längst nicht mehr passt? Mitten in der Prüfung, wo die Zweifel am lautesten sind? Schon auf dem Rückweg, mit etwas in der Hand, das er noch gar nicht benennen kann?
Ein Lebenslauf zeigt Stationen. Wohin es jemanden zieht und warum, zeigt er nie. Zwei Menschen mit identischer Vita stehen an vollkommen verschiedenen Punkten ihrer Reise, der eine kurz vor dem Aufbruch, der andere längst angekommen und selbst überrascht davon.
Woran erkenne ich den Unterschied?
Ich frage nach dem Vergleich, den jemand zieht. Womit vergleicht er sich. Mit dem Nachbarn, der mehr verdient, einen größeren Titel trägt? Dann höre ich Wettbewerb, und Wettbewerb ermüdet, weil er nie endet. Mit dem, was möglich wäre, mit einer Form seiner selbst, die er noch nicht erreicht hat? Das ist ein anderer Ton, ruhiger, hungriger zugleich. Gewinnen wollen klingt in beiden Fällen ähnlich. Werden wollen klingt am Ende anders, auch wenn der erste Satz am Telefon identisch war.
„Ich will mehr Verantwortung.”
„Ich bin bereit für den nächsten Schritt.”
Zwei Kandidaten sagen denselben Satz. Der Unterschied liegt darunter, in dem, was den Satz trägt, und danach muss ich fragen, so lange, bis es sichtbar wird.
Ich frage auch nach dem, was verworfen wurde. Jeder Mensch, mit dem ich spreche, ist einmal jemand anderes gewesen, in seiner eigenen Vorstellung. Der Ingenieur, der Betriebswirtschaft studieren wollte. Die Führungskraft, die eigentlich Wissenschaftlerin werden sollte. Mich interessiert, was das Verwerfen freigelegt hat. Manchmal eine Lücke, ein Phantomschmerz nach einem Weg, der nie begangen wurde. Manchmal der eigentliche Anfang von etwas, das erst durch das Verwerfen sichtbar wurde.
Woran erkenne ich, ob ich gerade jemandem am Anfang eines Weges begegne oder jemandem, der auf der Stelle tritt und es Weg nennt?
Ich achte auf die Reibung. Wer wirklich unterwegs ist, hat Widerstand hinter sich, echten. Ein Vorgesetzter, der die eigene Fehleinschätzung ans Licht gebracht hat. Ein Team, das nicht folgte, obwohl der Plan auf dem Papier stimmte. Ein Markt, der die eigene Selbstsicherheit widerlegt hat. Wer davon berichtet, ohne sich zu rechtfertigen, ohne den Widerstand kleinzureden, hat etwas durchquert. Ein Weg ohne Widerstand ist ein Stillstand mit gutem Marketing, und dem misstraue ich, sobald jemand nur von Erfolgen erzählt, glatt,ohne einen einzigen Riss.
Wohin zieht es ihn?
Diese Frage lässt sich kaum direkt stellen. „Was ist Ihr Ziel” produziert fast immer eine Antwort, die gut klingt und wenig bedeutet. Ich höre lieber, worüber jemand ungefragt spricht, wo die Stimme wacher wird, wo ein Satz plötzlich konkret wird. Ein Kandidat, der über Zahlen spricht, solange es um die aktuelle Rolle geht, und über Menschen, sobald es um das geht, was er eigentlich will, sagt mir mehr als jede Antwort auf eine direkte Frage könnte. Die Sehnsucht verrät sich in der Nebenbemerkung.
Warum zieht es ihn dorthin, ist die interessantere Frage. Manchmal eine alte Rechnung: eine frühere Zurückweisung, ein Vergleich, den man nie gewonnen hat, ein Beweis, der noch aussteht. Dann rate ich zur Vorsicht, auch mir selbst gegenüber. Eine Position, die eine alte Wunde schließen soll, hält selten, was sie verspricht. Manchmal eine Form, die sich seit Jahren abzeichnet und nur den richtigen Rahmen sucht, um sichtbar zu werden. Diesen Kandidaten findet man, wenn man richtig zuhört, selten den, der zuerst antwortet.
Meine eigene Geschichte hat mich das gelehrt, mehr als jedes Auswahlverfahren: der Weg zeigt sich rückblickend, in dem, was verworfen wurde, in der Form, die am Ende sichtbar wurde, obwohl niemand sie geplant hatte. Kein Mensch, dem ich begegne, weiß am Tag unseres ersten Gesprächs, wer er in fünf Jahren sein wird. Jeder trägt eine Richtung in sich, eine Nötigung, die sich in kleinen Anzeichen zeigt, lange bevor sie sich selbst benennen kann.
Meine Aufgabe ist, in einem Gespräch von neunzig Minuten zu erkennen, an welcher Stelle des Weges jemand gerade steht, und ob die Position, über die wir sprechen, die nächste Wegmarke ist oder eine Umleitung mit besserem Gehalt.
Wie oft gelingt mir das wirklich?
Seltener, als ich mir eingestehen möchte. Die Frage zu stellen bleibt trotzdem besser, als den Lebenslauf mit der Stellenbeschreibung abzugleichen und Ruhe zu finden, wo keine sein sollte.



