Der Vertrieb ist kein Kanal
Essay
Vor einigen Jahren habe ich den Umbau eines Versandhandels zu einem Multi-Channel-Vertrieb verantwortet. Der Anlass war unerquicklich und damit nützlich: Nach Jahren des Wachstums blieb der Umsatz plötzlich hinter den Erwartungen zurück. Der Reflex lag nahe. Mehr Marketingdruck, mehr Kataloge, mehr Adressen.
Genau das wäre zu kurz gesprungen.
Wir hatten kein Reichweitenproblem. Wir hatten ein Leistungsproblem im Kundenkontakt. Der Katalog erzeugte Interesse, der Webshop machte das Bestellen leicht — bei der Frage, wer wirklich Potenzial hatte, welche Beziehung Aufmerksamkeit brauchte, wo ein Verkäufer etwas bewegen konnte, halfen beide nicht.
Diese Frage ist heute aktueller als damals. Die Instrumente heißen inzwischen CRM, Marketing Automation, KI. Die Versuchung ist dieselbe: Wer viele Daten und viele Kontaktmöglichkeiten hat, glaubt leicht, er habe seinen Vertrieb im Griff. Er hat zunächst nur mehr Möglichkeiten, Kunden zu erreichen. Er hat aber auch die Möglichkeit, vor lauter Daten, Wichtiges zu übersehen.
Ein Verkäufer im Außendienst ist teuer, seine Zeit ist knapp. Sitzt er bei einem Kunden, der weder Bedarf noch Budget noch Entscheidungsspielraum hat, wird aus Aktivität kein Fortschritt. Das gilt in der Verpackungsindustrie ebenso wie im Versicherungsvertrieb oder bei komplexen B2B-Lösungen. Ich war jahrelang regelmäßig mit Außendienstmitarbeitern in Kundengesprächen. Ob als Trainer oder Vertriebsleiter – nichts ist frustrierender, wenn man nach dem besuch im Auto die Frage stellen muss: Warum waren wir eigentlich heute bei diesem Kunden? Standardisierte Kontakte, wiederkehrende Bestellungen gehören in Kanäle, die dafür geschaffen wurden und das zuverlässig leisten. Telesales und Innendienst klären Bedarf, qualifizieren Kontakte, erkennen Entwicklungssignale. Der persönliche Verkauf gehört dorthin, wo eine Beziehung aufgebaut, ein Problem verstanden, eine Entscheidung mit Konsequenz vorbereitet oder beeinflusst werden muss.
Wo entsteht beim Kunden wirklich Wert? Bei manchen durch schnelle Verfügbarkeit und einen sauberen Prozess. Bei anderen durch jemanden, der zuhört, Zusammenhänge erkennt und die richtige Lösung gegen interne Widerstände durchsetzt. Wer beides verwechselt, verschwendet seine besten Leute an die falschen Aufgaben.
Verkaufszeit ist zu wertvoll, um sie nach Bauchgefühl zu verteilen.
Ein CRM-System wird oft als Dokumentationsprojekt eingeführt. Mitarbeiter füllen Felder aus, Führungskräfte schauen auf Dashboards, nach einigen Monaten beklagen alle den administrativen Aufwand. Das System weiß dann viel. Der Vertrieb verkauft deshalb noch nicht besser. Ein gutes CRM beantwortet drei praktische Fragen: Welcher Kunde verdient jetzt Aufmerksamkeit? Welche Art von Kontakt ist sinnvoll? Wer übernimmt ihn, mit welchem Ziel?
Daten allein reichen dafür nicht. Sie zeigen vergangenes Verhalten, erklären selten, was beim Kunden als Nächstes möglich ist. Diese Übersetzung bleibt Führungsaufgabe. Aus Zahlen werden Prioritäten, aus Prioritäten konkrete Gespräche, aus Gesprächen Lernschleifen für die Mannschaft. Kontrolle schaut zurück. Steuerung verändert, was morgen geschieht.
Wechselt ein Vertrieb vom passiven Bestellenlassen zum aktiven Gewinnen und Entwickeln von Kunden, ändern sich Rollen: der Innendienst braucht verkäuferisches Mit-Denken, Telesales ein klares Mandat, der Außendienst muss seine Zeit am Potenzial ausrichten. Ich erinnere mich an einen Standortleiter, der jeden Montag dieselbe Kundenliste abtelefonierte, in derselben Reihenfolge, seit Jahren — weil sie sich vertraut anfühlte, nicht weil sie noch etwas hergab. Die Liste zu ändern war keine Frage des Systems. Es war eine Frage, ob jemand ihm das sagte und dabei blieb, bis sich etwas bewegte.
Das ist die unterschätzte Aufgabe. Nicht Kennzahlen berichten — Gewohnheiten stören, die sich festgesetzt haben. Erwartungen so klar aussprechen, dass sie unbequem werden. Nach einem schwachen Ergebnis nicht die Erklärung abnehmen, sondern den nächsten Schritt einfordern. In dezentralen Organisationen ist das die Arbeit, die niemand freiwillig macht, solange sie sich vermeiden lässt. Ohne sie bleibt jede neue Vertriebsstruktur eine Zeichnung im Organigramm.
Kein System kann einer Führungskraft abnehmen, zu beurteilen und zu entscheiden, ob ein Mitarbeiter Potenzial hat, ob ein Kunde entwickelbar ist, ob die Lösung eines Problems am Mangel von Kompetenz und Motivation oder an einem schlechten Prozess scheitert. Das verlangt Urteilskraft. Die Urteilskraft und eines Sales-Leaders resultiert nicht aus der Fähigkeit Daten zu interpretieren
Gute Leute wollen wissen, wofür sie verantwortlich sind. Sie wollen Leistung erbringen, daraus lernen, mit ihren Ergebnissen sichtbar werden. Eine starke Vertriebsleitung verwaltet keine Einzelkämpfer. Sie baut ein System, in dem der verbindliche Innendienst, der präzise Telesales, der kundenerfahrene Außendienst tatsächlich ineinandergreifen — nicht nebeneinander laufen.
Die Technologie wird weitergehen. KI wird Kontakte vorbereiten, Signale sortieren, Routine beschleunigen. Wer beim Kunden Verantwortung übernimmt und welches Gespräch jetzt zählt, bleibt trotzdem eine Frage des Urteils.
Ein Vertrieb besteht nicht aus Kanälen. Er besteht aus Menschen, die wissen, wann sie beim richtigen Kunden das richtige Gespräch führen müssen.
Hinweis zur redaktionellen Grundlage:
Dieser Essay entwickelt zentrale Erfahrungen aus Andreas Schönemanns Fachbeitrag „Vom Versandhandel zum Multi-Channel-Vertrieb: Ein Praxisbericht“, Marketing Review St. Gallen 3/2008, in aktualisierter Form weiter.



