Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Essay
Heute in der FAZ eine Rezension zu C. Thi Nguyens „The Score“. Gelesen habe ich nur diese eine Zeitungsseite, das Buch selbst nicht. Reicht trotzdem, für den Gedanken, der mich seitdem nicht loslässt: Scoresysteme geben Spielen ihre Klarheit, weil ich in einem Spiel exakt weiß, woran ich bin. Sobald dieselbe Logik aus dem Spiel heraustritt, kippt diese Klarheit ins Gegenteil.
Ein Großhändler, für den ich lange gearbeitet habe, führte tausende Kunden, die nichts miteinander gemein hatten. Die Werbeagentur, die einmal in fünf Jahren Geschenkverpackungen für eine einzige Aktion bestellte, stand in derselben Liste wie der Versandhändler, der täglich Hunderte unterschiedliche Verpackungen abrief. Ordnung in dieses Chaos zu bringen war meine Aufgabe, Excel-Tabellen über Excel-Tabellen, Monate an Arbeit. Wie führt man einen Außendienst durch so ein Sortiment, worauf konzentriert man ihn, wie trennt man seine Leistung von dem, was Katalog, Mailing oder eine Werbeaktion ohnehin gebracht hätten? Das System funktionierte. Es machte sichtbar, was vorher im Nebel lag, wer wirklich Potenzial hatte und wer nur viel Aufmerksamkeit band. Erst Jahre später fiel mir auf, dass wir begonnen hatten, der Zahl mehr zu glauben als den Menschen, die vor Ort waren. Ein Verkäufer kommt zurück vom Termin, hat den Geschäftsführer gesehen, der gerade eine neue Halle plant, spürt, dass sich etwas bewegt. Der Score sagt C. Und der Score gewinnt, im Meeting, in der Ressourcenplanung, irgendwann auch im Kopf des Verkäufers selbst.
Wer sein eigenes Urteil nie richtig ausgebildet hat, oder es in einem bestimmten Moment verliert, leiht sich das Urteil einer Zahl.
Ceuta. Man kann einen Artikel lesen, eine Zahl der Grenzübertritte, tabelliert, amtlich. Oder man fährt hin und merkt, was in einer kleinen Stadt passiert, wenn plötzlich Tausende dort sind, im Freien übernachten, ihre Notdurft irgendwo verrichten müssen. Die Läden bleiben zu, aus Angst vor dem, was passieren könnte. Eine Spannung in der Luft, die keine Statistik trägt, die Angst der Ladenbesitzerin, die Wut derer, die seit Wochen dort ausharren. Über die olfaktorischen Eindrücke will ich gar nicht nachdenken. Statistiken sind selten falsch. Sie sind oft nur zu klein für die Wirklichkeit, und manchmal genügt diese Kleinheit, damit Menschen, die nie dort waren, mit derselben Sicherheit urteilen wie die, die dort standen.
Im Recruiting dieselbe Mechanik. Wer den Beruf nie selbst ausgeübt hat, hält sich oft an das, was messbar erscheint, ein DISG-Profil, eine Punktzahl für Durchsetzungsstärke. Was am Ende entscheidet, ist Sympathie, verkleidet als Kompetenzraster. Das Raster liefert anschließend nur die Begründung.
Der Score entlastet. Urteilen ist anstrengend, es erzeugt Verantwortung, ich kann später falsch gelegen haben. Organisationen lieben Scores auch deshalb, weil Verantwortung sich leichter auf eine Zahl übertragen lässt als auf einen Menschen, der sie tragen müsste. Scores ersetzen kein Urteil. Sie ersetzen denjenigen, der urteilen müsste.



