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Essay

Meister Wittgenstein

Annäherung an ein Genie

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." — Sein Denkweg ist ein Weg, auf dem ich versuchen kann zu gehen. Er beginnt bei der Erkenntnis, dass jenseits der Grenze meiner Sprache nicht NICHTS ist.

Essay

Meister Wittgenstein

Ich gebe zu, dass ich seinen Tractatus nicht vollständig gelesen habe. Ich verstehe viele Dinge seines Hauptwerkes nicht — und bin damit in guter und prominenter Gesellschaft.


Beim Durchblättern bleibe ich an bestimmten Stellen hängen. Vor allem, wenn er aphoristisch schreibt, möchte ich verweilen und nachdenken. Die letzte Seite des Tractatus ist von einer Tiefe und Schönheit, die mich fesselt. Ich lese sie wie einen Brief, den Wittgenstein an mich persönlich schreibt:

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems."
„Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."— Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus
Wittgenstein und Faust

Zwei Grenzgänger

Der junge Wittgenstein scheint innerlich schon in jungen Jahren an jenem Punkt angekommen zu sein, an dem Faust sich befand — kurz vor dem Osterfest der Verzweiflung und dem Selbstmord nahe:

„Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen, / Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren [...] / Daß ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält."— Goethe, Faust I

Wittgenstein und Faust kramen beide in Worten — und beide sind Grenzgänger. Was mich fasziniert an Wittgenstein ist die Einheit zwischen Denken und Leben. Und seine Fähigkeit und sein Mut, weiterzugehen. An die Grenze zu gehen, bis es wehtut.

Seine Entscheidung, nach dem Erscheinen des Tractatus sein gesamtes beträchtliches Vermögen zu verschenken und als Volksschullehrer in einem Dorf in der „Buckligen Welt" zu arbeiten, erinnert mich an Jesus. Tolstoi, den er im Krieg las, meinte: Das geistige Leben sei das echte Leben, und es kann nicht durch Ereignisse in der Außenwelt beeinflusst werden. Wittgenstein notiert im September 1914:

„Immer wieder sage ich mir im Geiste die Worte Tolstois vor: ‚Der Mensch ist ohnmächtig im Fleische, aber frei durch den Geist.'"
Marx und Wittgenstein

Zwei Systeme, eine Frage

Wittgensteins Kardinalsatz 1: „Die Welt ist alles, was der Fall ist" erinnert mich an eine grundsätzliche Aussage von Karl Marx: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt." Was mich so fasziniert hat am Gedankengebäude des Marxismus — war es nicht diese zwingende Logik und die Gewissheit, die Gesetze der Geschichte auf unserer Seite zu haben?

Wittgensteins Grundidee war zunächst, dass die Sprache ein Abbild der Wirklichkeit sei. Während er diesem Gedanken folgt und tiefer und tiefer gräbt, kommt er am Ende zum Mystischen. Er bringt mich mit dem, was er im Tractatus ab Punkt 6.4 schreibt, zum Nachdenken und Träumen:

„Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen. Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt."— Wittgenstein, Tractatus 6.43–6.4311

Über jeden dieser Sätze möchte ich lange nachdenken. Dass ein Mensch aus Fleisch und Blut diese Art von Gedanken haben kann und unsere Sprache in der Lage ist, sie auszudrücken — das ist für mich ein wahres Wunder.

Wittgenstein meinte, dass man Philosophie eigentlich dichten müsste. Giuseppe Ungaretti schrieb ein Gedicht mit nur zwei Zeilen — „Eterno", ewig:

„Zwischen einer gepflückten Blume und der andern geschenkten / Das unausdrückbare Nichts."— Giuseppe Ungaretti
Am Ende

Die Leiter wegwerfen

Wie Wittgenstein bin ich lange überzeugter Atheist gewesen. Wie er interessiere ich mich mehr und mehr für religiöse Themen. Wie armselig kommt mir plötzlich meine in der Schulzeit erworbene, materialistische und atheistische Weltanschauung vor. Und ich war mir ihrer so sicher.

Unsere Welt scheint mehr und mehr von allen geistigen Werten verlassen. Ich habe die Befürchtung, dass wir vergessen könnten, was es bedeutet, Mensch zu sein. Am Ende seines Lebens war sich Wittgenstein sicher, dass man nicht zum Höheren kommt, indem man eine Leiter benutzt. Es gibt keine To-Do-Liste zu Erleuchtung und Seelenfrieden. 1947 schrieb er:

„Die apokalyptische Ansicht der Welt ist eigentlich die, dass sich die Dinge nicht wiederholen. Es ist z.B. nicht unsinnig, zu glauben, dass das wissenschaftliche und technische Zeitalter der Anfang vom Ende der Menschheit ist [...] Es ist durchaus nicht klar, dass dies nicht so ist."— Wittgenstein, Bemerkungen über Glauben und Religion, 1947

Sein Denkweg ist ein Weg, auf dem ich versuchen kann zu gehen. Er beginnt bei der Erkenntnis, dass jenseits der Grenze meiner Sprache nicht NICHTS ist — sondern das Wunderbare, Wichtige und Interessante auf mich wartet.

Andreas Schönemann
Executive Search · Philosophische Praxis
Managing Partner, PAPE Consulting Group AG
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