Ich habe Marx gelesen, Weber, Keynes, Hayek — und ich bemerke, dass mir dieses Wissen wenig nützt, wenn ich morgens in die Zeitung schaue. Man kann die Mechanismen einer Maschine vollständig verstehen und trotzdem nicht wissen, wohin sie fährt.
Vielleicht ist das der Kern des Problems: Wir haben uns das Verstehen angewöhnt und dabei das Urteilen verlernt.
Ich habe Marx gelesen, Weber, Keynes, Hayek — und ich bemerke, dass mir dieses Wissen wenig nützt, wenn ich morgens in die Zeitung schaue. Man kann die Mechanismen einer Maschine vollständig verstehen und trotzdem nicht wissen, wohin sie fährt.
Utopien halte ich für diskreditiert — was etwas anderes ist, als sie für tot zu erklären. Eine diskreditierte Idee hat Leichen produziert und muss sich verantworten. Eine tote Idee hat man begraben. Die Utopien des 20. Jahrhunderts verdienen keine Beerdigung, sondern ein Verhör.
Was ich hier niederschreibe, ist kein Programm. Es sind Beobachtungen eines Mannes, der arbeitet, liest und zuschaut — und der sich gelegentlich fragt, ob die Welt so gebaut sein muss, wie sie gebaut ist.
Ich misstraue großen Staatsapparaten aus demselben Grund, aus dem ich großen Unternehmen misstraue: Sie entwickeln ein Interesse an ihrer eigenen Fortsetzung, das stärker wird als ihr ursprünglicher Zweck. Der Staat, den ich mir vorstelle, wäre kleiner im Umfang und unnachgiebiger in dem, was er tut. Rechtssicherheit, Infrastruktur, Gewaltmonopol, Generationengerechtigkeit — das sind keine bescheidenen Aufgaben. Aber es sind seine Aufgaben.
Subsidiarität ist für mich kein Verwaltungsprinzip, sondern eine anthropologische Überzeugung: Menschen entscheiden besser über das, was sie sehen können. Ein Bürgermeister kennt seine Stadt. Ein Ministerium kennt eine Statistik.
Was mich am meisten beunruhigt: Demokratie denkt nicht über sich selbst hinaus. Sie optimiert auf den nächsten Wahltermin, und niemand sitzt am Tisch für die Menschen, die noch nicht geboren sind. Ich weiß nicht, wie man das löst — aber ich halte die Frage für dringlicher als die meisten, die derzeit diskutiert werden.
Weniger Gesetze, schärfer durchgesetzt. Rechtsinflation ist Rechtsverfall.
Hayek hatte recht, dass Märkte Informationen verarbeiten, die kein Planungsbüro der Welt erfassen kann. Ich halte das für eine der intellektuell ehrlichsten Einsichten des 20. Jahrhunderts — und für einen häufig missbrauchten Satz. Denn der Markt verarbeitet Informationen über Präferenzen derjenigen, die Kaufkraft besitzen. Wer keine hat, kommt im Markt nicht vor.
Das eigentliche Problem liegt in der Eigentumsstruktur, die dem Markt vorausgeht. Kapital konzentriert sich — das ist keine Verschwörung, sondern Mathematik. Wer Kapital hat, kann es anlegen. Wer keins hat, verkauft Arbeit. Piketty hat das mit r > g auf eine Formel gebracht, die ich für eine der nüchternsten Diagnosen unserer Zeit halte.
Wenn Mitarbeiter Miteigentümer sind — mit echtem Stimmrecht, echter Gewinnbeteiligung — verändert sich die Verteilungslogik des Systems. Mondragon in Spanien existiert seit sieben Jahrzehnten, beschäftigt hunderttausend Menschen und ist der wichtigste reale Testfall für diese Frage. Ich nenne dieses Beispiel dem gegenüber, der behauptet, das sei unmöglich.
Henry George schrieb 1879, dass Bodenwertzuwachs der Gemeinschaft gehört, die ihn erzeugt hat. Ein Grundstück in München-Schwabing kostet heute das Zwanzigfache von 1980 — der Eigentümer hat gewartet, während die Stadt um ihn herum gewachsen ist. Man besteuert den Bodenwert — das nackte Grundstück, ohne Bebauung. Boden flieht nicht ins Ausland. Die Steuer erzeugt keinen Effizienzverlust. Sie bestraft Spekulation. Milton Friedman nannte sie die „am wenigsten schlechte Steuer" — ein Lob, das aus diesem Mund Gewicht hat.
Das Grundeinkommen, das mich interessiert, wäre ein Eigentumsanspruch — auf kollektive Ressourcen, Bodenwerte, CO₂-Einnahmen, die Datenverwertung der Konzerne. Alaska macht das seit 1982. Wer eine Dividende erhält, verhält sich anders als wer Sozialhilfe erhält. Das ist keine Sentimentalität — das ist Psychologie.
Ich bin Autodidakt, und ich sage das ohne Koketterie. Was ich weiß, habe ich mir selbst beigebracht — durch Lesen, Scheitern, nochmals Lesen, ausprobieren, anderen Menschen zuhören und zuschauen. Das Bildungssystem hat dabei eine untergeordnete Rolle gespielt. Ich halte das für einen Befund, keinen Vorwurf.
Unser Bildungssystem wurde für die Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts entworfen. Es belohnt Pünktlichkeit, Wiederholung, Unterwerfung unter Taktgebung. Wissen ist heute ubiquitär. Was knapp ist, ist Urteilsvermögen — die Fähigkeit zu fragen, ob etwas stimmt, warum man es glaubt, was daraus folgt.
Kinder fragen das von sich aus. Das wird ihnen abgewöhnt.
Philosophie ab der Grundschule — als geduldetes Nachfragen, als Haltung — würde daran etwas ändern. Das Zertifikat hat das Lernen kolonisiert. Man lernt für den Abschluss. Das ist eine Perversion, die ich täglich in Gesprächen beobachte.
Hegel hat gesehen, was Ökonomen übersehen: Arbeit ist der Prozess, durch den ein Mensch sich in der Welt wiederfindet. Der Tischler erkennt sich im Tisch. Der Mensch, dem sinnvolle Arbeit entzogen wird, verliert Wirklichkeit. Eine Gesellschaft, die Pflege entwürdigt und Spekulation vergoldet, hat ein ethisches Urteil gefällt, auch wenn sie das nie ausgesprochen hat.
Über Familie schreibe ich mit Vorsicht, weil das Thema von beiden Seiten ideologisch vermint ist. Was ich sagen will, ist einfacher als jede Ideologie: Familie ist der einzige soziale Ort, der bedingungslos zugehört — und der transgenerational denkt, ohne dass es ein Gesetz verlangt. Eltern pflanzen Bäume, unter denen sie nicht sitzen werden. Das ist Jonas' Verantwortungsethik, gelebt ohne Theorie, weil ein Kind da ist.
Religiöse Ethik gibt Sicherheit in einer Welt, die keine anbietet — ich verstehe den Hunger danach. Aber sie kostet Autonomie und, was mich mehr beunruhigt, Wahrheit. Relativismus gibt Freiheit und nimmt Verbindlichkeit. Ich habe für beides wenig Geduld.
Levinas hat mich überzeugt, dass Ethik mit einem Gesicht beginnt. Der andere leidet — das ist der Ausgangspunkt, von dem aus alles andere gedacht werden muss. Aristoteles hat mich überzeugt, dass Tugend eine Praxis ist, die man einübt oder eben nicht. Jonas hat mich überzeugt, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte Macht über Menschen haben, die noch nicht existieren — und dass das eine neue Art von Pflicht erzeugt, für die die klassische Ethik keine Sprache hatte.
Moderne Ethik fragt: Was soll ich tun? Aristoteles fragte: Was soll ich sein? Der Unterschied ist nicht akademisch.
Klugheit — das Vermögen, im konkreten Moment das Richtige zu erkennen. Erworben durch Erfahrung und Scheitern, kaum durch Lektüre. Gerechtigkeit — jedem das ihm Gemäße, was Urteilsvermögen verlangt und keinen Schematismus verträgt. Tapferkeit — das Richtige tun, obwohl es kostet. Im Kleinen: unbequeme Wahrheiten aussprechen. Maß — die unmodernste Tugend. Wer keins kennt, ist getrieben, auch wenn er das Freiheit nennt.
Drei weitere, die ich vermisse: Redlichkeit — die Kongruenz zwischen Denken, Sprechen und Handeln. Das Gegenteil ist die subtilere Unehrlichkeit, das Sagen dessen, was erwartet wird. LinkedIn ist voll davon, und ich ertappe mich selbst dabei. Dankbarkeit — wer sie nicht kennt, lebt im Mangel, auch im Überfluss. Die Stoiker haben daraus eine tägliche Praxis gemacht, und ich halte das für klüger als die meiste Psychologie, die ich kenne. Humor — wer keinen hat, hat kein Verhältnis zur eigenen Begrenztheit. Das ist keine kleine Sache.
Revolutionen habe ich aufgegeben — der Mensch, der die neue Welt baut, ist derselbe, der die alte bewohnt hat. Mit denselben Eitelkeiten, Ängsten, Machtgelüsten. Das ist Menschenkenntnis.
Die Frage, die bleibt: Wie bauen wir Institutionen, die schlechte Menschen erträglich machen und gute Menschen nicht zerstören? Ich habe keine Antwort. Aber ich halte die Frage für die richtige.