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Essay · Januar 2025

Befreundet mit dem Unbekannten

Gedanken zu Ernst Blochs „Geist der Utopie"

Das UNBEKANNTE ist kein Mangel, den es zu überwinden gilt, sondern ein Freund, der uns vor der Erstarrung in allzu großer Gewissheit bewahrt.

Essay

Befreundet mit dem Unbekannten

Ich bekenne, dass es gar nicht so leicht ist, im Angesicht der auf uns einwirkenden politischen Absurditäten ein Gefühl der Zuversicht zu entwickeln. Und doch bin ich zuversichtlich.


In diesen Tagen schaue ich zurück auf 1989 und erinnere mich sehr gut an die Gedanken und Gefühle, die ich hatte in diesem besonderen Jahr, als das Alte zu Ende ging, um Platz zu machen für das Neue. Es war, anders als in den vielen Dokumentationen, keine Euphorie und auch kein Glücksgefühl in mir. Eher das Gefühl einer großen, vibrierenden Unruhe. Die einzige Gewissheit war, dass nichts so bleiben konnte, wie es ist.

Nun, 35 Jahre später, ist es wieder November und ich bin immer noch da. Schaue ich zurück, so fällt mir auf, dass wir keine konkreten Vorstellungen hatten, von dem, was heute tatsächlich unsere Wirklichkeit ist. Das UNDENKBARE war das UNBEKANNTE, welches plötzlich zur Tatsache wurde. Plötzlich öffneten sich die Grenzen und kurze Zeit später war die DDR weg und Deutschland wieder vereinigt.

Gehe ich auf die Suche nach philosophischen Freunden, die meinem heutigen Gefühl die passenden Worte schenken, so begegne ich Ernst Bloch, dessen Erstlingswerk „Geist der Utopie" er im Angesicht des ersten Weltkriegs schrieb.

„Wie nun? Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben."— Ernst Bloch, Geist der Utopie

Ja, dieses Beginnen ist es, worauf es ankommt. Im Bewusstsein, dass wir nie wissen können, was uns konkret erwarten wird.

Der Fährtenleser

Das Noch-Nicht und die Spuren der Möglichkeit

Wenn ich 35 Jahre zurückblicke auf den Anfang des „ins Blaue hineingebauten Weges", erkenne ich zunächst die Spannung zwischen dem „bloß Tatsächlichen" und dem Möglichen. Rückblickend sehe ich, dass das UNBEKANNTE nichts ist, was ich fürchten müsste. Im Gegenteil — auf das UNBEKANNTE kann ich mich mittlerweile wie auf einen wirklich guten Freund verlassen.

Ein Fährtenleser ist kein Prophet. Er deutet nicht die Zukunft, sondern liest aufmerksam die Zeichen der Gegenwart. Er weiß um die Vergänglichkeit der Spuren, die er findet — ein Regenguss, und sie könnten verschwunden sein. Und doch zeigen sie ihm Richtungen, Möglichkeiten, verborgene Bewegungen.

In der DDR lernten wir, zwischen den Zeilen zu lesen. Heute, im Alter von 63 Jahren, lese ich zwischen den Zeilen meiner eigenen Geschichte. Dort finde ich nicht nur die Spuren dessen, was war, sondern auch — und das ist das Erstaunliche — Hinweise auf das, was noch werden könnte.

Ein Yanomami im Regenwald und ein westlicher Besucher sehen buchstäblich zwei verschiedene Welten. Wo der Besucher nur undurchdringliches Grün wahrnimmt, erkennt der Yanomami ein komplexes Gewebe von Zeichen. Er „liest" den Wald wie wir ein Buch — nicht aus Büchern, sondern durch Beobachtung, durch Versuch und Irrtum, durch das geduldige Sammeln von Erfahrungen. Ähnlich verhält es sich mit meinem Weg als Autodidakt.

Heidegger und Novalis

Heimweh als philosophischer Antrieb

Ironischerweise ist das Land, in dem ich zu Hause war, verschwunden; vielleicht habe ich deshalb zur Philosophie gefunden. Novalis meinte, Philosophie sei „eigentlich Heimweh, ein Trieb überall zu Hause zu sein". Bei Heidegger finde ich dazu Bemerkenswertes:

„Überall zu Hause zu sein bedeutet: jederzeit und zumal im Ganzen sein. Dieses ‚im Ganzen' und seine Gänze nennen wir die Welt."— Martin Heidegger

Uns ins „Blaue hinein zu bauen" beschreibt den Versuch, so zu werden, wie wir sind. Und unsere Endlichkeit ist dabei etwas, was wir nicht verlassen können, denn es ist die Grundart unserer Existenz. Ich baue mich ins Blaue hinein, hoffnungsvoll, neugierig und aufmerksam die Spuren lesend — immer wieder und wieder, denn ich werde nicht ewig leben, sondern irgendwann zwischen morgen und später sterben.

Gerade weil wir endlich sind, gewinnt das Bauen ins Blaue seine besondere Dringlichkeit. Das UNBEKANNTE wird so zum Horizont unserer Endlichkeit — nicht als Grenze, sondern als Möglichkeitsraum. Vielleicht liegt gerade hier der tiefste Grund meiner Freundschaft mit dem UNBEKANNTEN: Es zeigt mir, dass die Begrenztheit meiner Zeit nicht das Ende der Möglichkeiten bedeutet, sondern ihre Voraussetzung.

Kracauer und die Gegenwart

Die Wartenden — damals und heute

Als Siegfried Kracauer 1922 seinen Essay „Die Wartenden" schrieb, befand sich die Weimarer Republik in einer Phase tiefgreifender Modernisierung. Er beschrieb gut ausgebildete, städtische Intellektuelle, die äußerlich erfolgreich in der modernen Welt funktionieren, innerlich aber einer metaphysischen Leere ausgesetzt sind. Wenn Kracauer von Menschen spricht, die „in Büros sitzen, Klienten empfangen, Verhandlungen führen", beschreibt er eine Welt der scheinbaren Gewissheiten. Wie aktuell das ist.

Hier gewinnt Blochs „Noch-Nicht" eine überraschende Aktualität: Es ist nicht primär eine Antwort auf zu wenig Gewissheit, sondern auf zu viel davon. Sein „Bauen ins Blaue" wird zum Akt der Befreiung von der Tyrannei des Vorherbestimmten. Die „Wartenden" von heute sitzen vielleicht nicht mehr in Kaffeehäusern, sondern vor Bildschirmen. Aber ihre Sehnsucht ist die gleiche: nicht nach mehr Gewissheit, sondern nach einem Durchbrechen der allzu gewissen Strukturen.

Als Autodidakt, als Fährtenleser im Dickicht der Gegenwart, habe ich gelernt: Das UNBEKANNTE ist kein Mangel, den es zu überwinden gilt, sondern ein Freund, der uns vor der Erstarrung in allzu großer Gewissheit bewahrt. In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen und Berechenbarkeit bestimmt wird, wird die Fähigkeit, ins Blaue hinein zu bauen, nicht etwa obsolet — sie wird zur entscheidenden Kunst des Überlebens. Nicht trotz, sondern wegen unserer Endlichkeit.

Andreas Schönemann
Executive Search · Philosophische Praxis
Managing Partner, PAPE Consulting Group AG
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