September, noch acht Tage bis zu meinem 62. Geburtstag. Ich liege nach Darmverschluss, Krebsdiagnose und mehreren Notoperationen auf der Intensivstation des Klinikums Passau. Und ER ist da.
Wie frei sind wir, unserem Leben eine neue Richtung zu geben — und uns dabei zu vitalisieren?
Ein neues Leben beginnen: Das kann Verheißung oder Befürchtung sein. Ich habe in meiner Familie und in meinem Freundeskreis viele Beispiele sowohl für die freiwillige als auch die erzwungene Entscheidung, ein neues Leben zu beginnen. Gründe dafür sind Krankheit, Tod, Krieg, Vertreibung — aber auch Mut, Sehnsucht, Phantasie und Kreativität. Doch warum bleiben viele Menschen so seltsam passiv? Was haben die Aktiven, was den Kontemplativen fehlt?
September, noch acht Tage bis zu meinem 62. Geburtstag. Ich liege nach Darmverschluss, Krebsdiagnose und mehreren Notoperationen auf der Intensivstation des Klinikums Passau. Und ER ist da.
Die Todes-Karte symbolisiert im Tarot Transformation, radikale Beseitigung und Wiedergeburt. In einem der Märchen meiner Kindheit — „Gevatter Tod" — wird der Tod als Pate gewählt, weil er alle Menschen gleich behandelt. Daran musste ich denken, als ich IHN an meinem Bett sehe — in der Mitte zwischen Kopf und Fußende, entspannt sitzend.
In einem freundlichen, aber bestimmten Ton spricht er die folgenden Worte zu mir: „Ich habe nicht viel Zeit, habe sehr viel zu tun, wollte nur mal Hallo sagen. Unser letztes Treffen, vor 7 Jahren, als deine Frau in meinen Armen lag, ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Und weil ich dein Freund bin, gebe ich dir einen letzten, gutgemeinten Rat: DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!"
Sprach es aus und verschwand. Sechs Monate sind seitdem vergangen. Ich lebe noch, wieder, anders. Drei Viertel der Chemotherapie sind geschafft. Wie geht es mir in dieser Grenzsituation? Erstaunlicherweise bin ich voller Zuversicht. Ich habe das Gefühl, dass etwas Geistiges, Immaterielles, Spirituelles in mein Leben gekommen ist. Als freundliche Begleitung.
„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte — diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit."— Hegel, Phänomenologie des Geistes
Ich erkenne bei mir ein klares Muster, wie mein Geist gelernt hat, mit Verlust und Veränderung umzugehen. Ob es der Verlust meines Landes 1989 war, der Verlust meiner Führungsposition nach 13 Jahren oder der schmerzhafte Abschied von meiner Frau — immer bin ich schnell, vielleicht zu schnell aktiv geworden. Aber dadurch habe ich neue Tatsachen geschaffen und die Dinge ins Rollen gebracht.
Karl Jaspers beschreibt in seiner „Psychologie der Weltanschauungen" den aktiven Menschen:
„Der aktive Mensch steht ganz in der zeitlich gegenwärtigen Situation. Er tut, was ihm objektiv möglich erscheint, und was er subjektiv kann. Für den Aktiven ist immer Bewegung. Er gibt sich nie mit einem Zustand zufrieden. Ihm gilt: Alles ist provisorisch in der Welt."— Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen
Ich bewundere geradezu denjenigen, der in jungen Jahren schon genau weiß, was aus ihm werden soll. Das konnte ich nie. Mit 14 scheiterte der Plan KJS Zella-Mehlis — Wirbelsäule, leider nichts zu machen. Mit 28 scheiterte der Plan Parteihochschule beim ZK der SED — der Weltgeist hatte etwas dagegen. Dann Top-Management-Trainer — nach 7 Jahren Schluss. Weiter und weiter. Panta rhei.
In mir steckt viel von Hans im Glück — der am Ende, als die letzten schweren Steine in den Brunnen fallen, vor Freude aufspringt und Gott dankt.
„So glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne."— Hans im Glück, Gebrüder Grimm
Mein Anspruch war immer, ein gutes Leben im Einklang mit meinen Werten zu leben. Ich stelle fest, dass ich dazu weniger benötige als früher gedacht. Ich brauche dazu nur Zeit. Zeit zum Lesen und Zeit zum Denken. Rüdiger Safranski zitiert Novalis: „Philosophieren ist Dephlegmatisieren, Vivifizieren." Das ist toll.
Solange wir hier leben, bauen wir Tag für Tag an unserer Biographie. Die Sehnsucht nach dem Unsichtbaren lässt uns nie los. Wir sind Künstler und Pilger zugleich — Wanderer zwischen den Welten.