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Essay · Oktober 2024

Neben der Spur

Inspiriert durch Pink Floyd „Animals", 1977

Innere Selbstständigkeit ist etwas, worüber wenig gesprochen wird. Wir sprechen über Autonomie, Unabhängigkeit und Freiheit — und beziehen uns dabei immer auf etwas Äußeres.

Essay

Neben der Spur

Wie werde ich zum Autor meines eigenen Lebens?


Innere Selbstständigkeit ist etwas, worüber wenig gesprochen wird. Wir sprechen über Autonomie, Unabhängigkeit und Freiheit und beziehen uns dabei immer auf etwas Äußeres — die Unabhängigkeit gegenüber den Anderen, die Freiheit von äußeren Einschränkungen. Aber in der Lage zu sein, sich zu fragen, wie man leben will, setzt die Erkenntnis voraus, dass im Laufe unseres bisherigen Lebens tausendfach Dinge auf uns eingestürzt sind, die uns geprägt haben.

Man sagt: „Ich bin in der DDR sozialisiert worden." Diese Aussage ist aber Unfug, denn der gesellschaftliche Rahmen bestimmt nur zum Teil meine Eigenarten. Ich bin stark von Rockmusik beeinflusst worden — von bestimmten Texten bestimmter Songs bestimmter Alben bestimmter Bands. Das ikonische Plattencover mit dem fliegenden Schwein über den rauchenden Schloten. Das Rolling Stone Magazin bezeichnet es als meistunterschätztes Album aller Zeiten.

Lose basierend auf George Orwells „Animal Farm", ist Pink Floyds „Animals" (1977) in seinen Texten sehr gesellschaftskritisch. Exemplarisch steht dafür der längste und für mich gleichzeitig beste Song — 17 Minuten. Basierend auf dem Originaltext habe ich im Folgenden eine sarkastische, bittere, aber zugleich treffende Beschreibung unseres Wirtschaftssystems fabuliert — vielleicht in Form der „Appropriation Art".

Dogs — eine Paraphrase

„Animals", Pink Floyd, 1977

Sei gierig danach, du musst es wirklich, wirklich wollen. Und du musst jederzeit im Stehen schlafen können. Denn du willst auf der Straße überleben und lernen, die leichte Beute mit geschlossenen Augen herauszusuchen.

Nach einer Weile wird es Zeit, an deinem Stil zu feilen. Kleider machen Leute. Arbeite daran, die richtige Krawatte zu finden. Ein fester Händedruck ist ebenfalls wichtig. Halte immer Augenkontakt, zeige einen festen Blick und ein gewinnendes Lächeln.

Die wichtigste Regel im Geschäftsleben? Die Menschen, die du belügst, müssen dir völlig vertrauen. Sie bezeichnen dich als Freund. Wenn sie dir den Rücken zudrehen, ist das deine Chance.

Aber pass auf! Denn eins ist sicher: Es wird schwerer und härter, je älter du wirst. Und am Ende wirst du wahrscheinlich deinen Kram zusammenpacken und in den Süden fliegen — den Kopf in den Sand stecken, um zu vergessen und langsam vergessen zu werden. Ein weiterer trauriger alter Mann, allein und einsam.

Wenn du dann die Kontrolle verlierst, wirst du ernten, was du gesät hast. So wie die Angst größer und größer wird, fließt das böse Blut langsamer und langsamer, bis dein Herz schließlich versteinert.

Ich muss zugeben, dass ich ein wenig verwirrt bin. Manchmal scheint es mir, als würde man mich nur benutzen. Wenn ich nicht einmal meinen eigenen Standpunkt verteidigen kann — wie soll ich dann aus diesem verdammten Irrgarten herausfinden?

Vor langer Zeit hast du dich von deinem Rudel entfernt, weil du das Gefühl hattest, zuhause ein Fremder zu sein. Pass auf, dass man dich am Ende nicht tot auffindet, zermürbt, mit dem Telefon in der Hand...

Homo homini lupus

Freud, Plautus und die grausame Aggression

„Lupus est homo homini" — ein Wolf ist der Mensch dem Menschen — heißt es schon bei Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Sigmund Freud nimmt in „Das Unbehagen in der Kultur" darauf Bezug:

„Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provokation ab — unter ihr günstigen Umständen äußert sie sich auch spontan, enthüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen Art fremd ist."— Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur

Russlands Aggression nach innen und außen. Massaker an unschuldigen Menschen. Bürgerkriegsgefahr. Hysterie. Dieses ständige „Sich Gegeneinander in Stellung bringen".

Wo endet das alles? Wer beendet das alles? Wie beenden wir das alles?

„Damit das Schauspiel dieses Jahrhunderts nicht zu Geschwüren in der Seele führt, ist es ratsam, den tiefen Widerwillen, den es hervorruft, in Ideen zu verwandeln."— Nicolás Gómez Dávila

Fressen oder gefressen werden. Oder: den Widerwillen in Ideen verwandeln. Das ist die Wahl, die bleibt.

Andreas Schönemann
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