Was mich in solchen Momenten getragen hat, waren keine großen Ideen, keine Heilsversprechen, kein moralisches Weltprogramm. Es waren Strukturen. Verlässlichkeiten. Menschen.
Menschen, die etwas mehr von mir kennen als nur meine äußere Erfolgsbiografie, bewundern mich manchmal. Für einige bin ich ein Vorbild. Das macht mich nicht stolz, es erstaunt mich. Und ja — manchmal ist es mir sogar ein wenig unangenehm. Ich habe keine allgemeingültigen Konzepte anzubieten, denke aber natürlich im sechsten Lebensjahrzehnt intensiv darüber nach, wer ich bin und dann habe ich vielleicht doch eine Aufgabe für alle, die das lesen:
Versuche zu begreifen, wer du geworden bist!
Ja, ich habe schwierige, sehr schwierige Dinge gemeistert und meistere sie noch. Vater und Ehemann mit 19, Großvater mit 45, Witwer mit 54. Ich bin kein Fels, kein Held, kein Titan. Ich bin einfach weitergegangen. Schritt für Schritt. Weil es dazu aus meinem Selbstverständnis keine Alternative gibt. Weil das Leben manchmal genau das ist: ein Gang durch ein Gelände, das man sich nicht ausgesucht hat.
Als ich mit 14 Jahren erfuhr, dass meine sportliche Laufbahn abrupt endete — Wirbelsäule, „leider nichts zu machen" — war das kein Drama. Ich machte eben etwas anderes. Als mein Studium verschwand, weil das Land, in dem ich studierte, sich auflöste, war das keine Katastrophe. Ich stand auf, sah mich um, sondierte die Lage.
Was mich in solchen Momenten getragen hat, waren keine großen Ideen, keine Heilsversprechen, kein moralisches Weltprogramm. Es waren Strukturen. Verlässlichkeiten. Menschen. Drei Orte, die mein Leben halten: die Familie, die Arbeit und der Ort, an dem ich lebe. Das sind für mich die wahren Institutionen. Unspektakulär, leise, aber entscheidend.
Die Familie — in meinem Fall die Partnerschaft mit meiner Frau — ist das Fundament. Wenn alles andere wankt, bleibt sie. Nicht als romantisches Ideal, sondern als Ort der Verlässlichkeit. Ein gemeinsamer Rhythmus, der nicht verordnet werden muss. Man kann Krisen nicht allein bestehen. Man braucht einen Platz, an dem das Ich nicht dauernd kämpfen muss, sondern einfach sein darf.
Kurz nach meinem 18. Geburtstag kam meine Frau, damals meine Freundin, vom Gynäkologen mit der Mitteilung: Schwanger, dritter Monat. In der DDR war es vollkommen normal, dass man gleich den Zettel zur möglichen Abtreibung mitbekam. Ich entschied mit ihr gemeinsam intuitiv, ohne langes Zögern: „Selbstverständlich kommt das Kind zur Welt!" Wir waren zwar jung, aber standen innerlich auf festem Grund.
Auch Arbeit trägt. Eine Firma ist mehr als ein Ort des Broterwerbs. Sie stiftet Identität, Struktur, Teilhabe. In diesem Sinn ist eine Firma kein anonymer Apparat, sondern ein Geflecht aus Beziehungen, Regeln, Rollen und Erinnerungen. Eine gelebte Institution, nicht bloß ein Wirtschaftssubjekt.
Und dann gibt es den dritten Ort: die Gemeinde, die Nachbarschaft, das Viertel. Zugehörigkeit entsteht dort nicht durch große Worte, sondern durch Gewohnheit, Gesten, Verlässlichkeiten. Wer weiß, wer nebenan wohnt, wer morgens Brötchen verkauft, wer im Verein hilft, hat ein Stück Sicherheit, das kein globaler Diskurs ersetzen kann.
Arnold Gehlen hätte genau hier angesetzt. Ihn interessierte, was Menschen trägt, wenn die großen Erzählungen versagen. Er sah im Menschen ein Mängelwesen — instinktschwach, verletzlich, schnell überfordert. Nicht moralische Größe hält uns aufrecht, sondern das Geflecht aus Bindungen, Gewohnheiten, Sicherheiten.
„Institutionen sind Entlastungen. Sie entlasten den Menschen von der Notwendigkeit, jeden Schritt seines Handelns neu zu entscheiden."— Arnold Gehlen
Für Gehlen ist Moral kein schwebendes Ideal. Sie funktioniert nur im Verbund mit diesen tragenden Strukturen. Wenn sie sich davon löst, wird sie sentimental oder gefährlich. Er nannte das Hypermoral. Gemeint war die Ausdehnung von Tugenden, die im Nahraum Sinn ergeben — Fürsorge, Solidarität, Verantwortung — auf ein grenzenloses Kollektiv, das niemand mehr tragen kann.
Heute ist diese Hypermoral allgegenwärtig. Eine moralische Dauerbeschallung, ein Grundrauschen aus Appellen, Schuldzuweisungen und Globalverantwortung. Klima, Identität, Gerechtigkeit — alles wird in ein einziges moralisches Vakuum gespült. Orientierung geht verloren. Zurück bleibt ein diffuses Gefühl ständiger Betroffenheit.
Hamburg will nun fünf Jahre früher klimaneutral werden als ursprünglich geplant. Der Beschluss klingt edel, er ist politisch sauber und moralisch makellos. Aber er ist ein typischer Ausdruck jener Hypermoral, die Gehlen beschrieben hat: ein Anspruch, der sich auf ein ganzes Kollektiv erstreckt, während die Institutionen, die ihn tragen müssten, kaum gestärkt werden. Aus einem politischen Ziel wird ein moralischer Imperativ. Zweifel gelten als Ketzerei.
Als ich hörte, wie der Volksentscheid ausgegangen war, musste ich sofort an meine älteste Enkeltochter denken. Sie ist 18 Jahre alt und war im Juli mit ihrer Klasse zum ersten Mal in Hamburg. Als wir später sprachen, war sie sichtlich erschüttert. Nicht von den großen Zukunftsfragen, sondern von dem, was sie vor ihrer Haustür sah: Drogenszene, Dreck, Kriminalität. „Ganz wild hier", schrieb sie. Kein pathetischer Satz, sondern ein unmittelbarer Eindruck.
Diese Szene steht für etwas Grundsätzliches. Während Politik moralisch aufgeladene Zukunftsversprechen abgibt, erleben Menschen vor Ort eine Stadt, die ihre elementaren ordnungspolitischen und sozialen Aufgaben nicht im Griff hat. Die abstrakten Ideen leuchten. Das wahre Leben stinkt.
Parallel dazu rollt die Therapeutisierung des Lebens wie eine stille Welle durch die Gesellschaft. Jedes Leiden wird pathologisiert, jede Krise zur Diagnose, jeder Zweifel zum Störfall. Der Mensch verwandelt sich vom Helden in einen Patienten seiner eigenen Existenz. Hypermoral und Therapeutisierung verstärken sich gegenseitig: Die Welt erscheint übermächtig, das Selbst brüchig.
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf Peter Bieri. Er beschreibt Selbstbestimmung als selbstbewusstes Leben im Rahmen geteilter Regeln:
„Was wir nach dieser ersten Lesart meinen, ist ein Leben, das im Rahmen dieser Regeln frei von äußeren Zwängen wäre, und ein Leben, in dem wir mit darüber bestimmen können, welche Regeln gelten sollen."— Peter Bieri
Bieri erinnert an das, was Gehlen ergänzt: Selbstbestimmung braucht Rahmen. Sie ist kein grenzenloses Ideal, sondern ein Zusammenspiel von Freiheit und Bindung. Außen Halt, innen Freiheit.
Wir leben in einer Zeit, die institutionelle Bindungen schwächt und durch moralisches Pathos ersetzt. Hypermoral lähmt. Therapeutisierung behindert das Entstehen von Resilienz. Klimaapokalyptik moralisiert das Atmen. Und mitten in diesem Lärm verschwinden die drei Orte, die uns tragen.
Selbstbestimmung braucht keine Weltrettungsrhetorik. Sie braucht Nähe. Verlässlichkeit. Menschen, die bleiben. Die Familie. Die Arbeit. Die Gemeinde. Vielleicht auch den Glauben.
„Wer die Institutionen schwächt, im Namen einer grenzenlosen Moral, schwächt das Gemeinwesen."— Arnold Gehlen