Freiheit — das ist nur ein Gefühl. Genauer: keine Angst. Nach der intensiven Erfahrung von Tod, Krankheit und Verlust habe ich nun keine Angst mehr davor. Und ich sehe die Welt anders.
Nina Simone wurde gefragt: „Was bedeutet Freiheit für Sie?" — „Es ist nur ein Gefühl", sagte sie. Und dann: „Ich werde Ihnen sagen, was Freiheit für mich ist: keine Angst."
Daran musste ich denken, als ich einer guten Freundin erzählte, dass ich nach der intensiven Erfahrung von Tod — mehrfach in den letzten acht Jahren —, Krankheit und Verlust nun keine Angst mehr davor habe. Ich sehe die Welt anders ohne Angst. Wie Wittgenstein sagt, ist die Welt eines Unglücklichen eine andere als die eines Glücklichen.
Das ist insofern relevant, weil um uns herum Angst so omnipräsent ist, dass es schwerfällt, das nicht zu bemerken. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es hier nicht mit einer unheilbaren Krankheit zu tun haben, sondern — um mit Wittgenstein zu sprechen — mit einer Art „Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache und der Bilder". Und die Philosophie ist der ständige Kampf gegen diese Verhexung.
John Stuart Mill schrieb vor 150 Jahren: „Ich habe beobachtet, dass nicht der Mann, der hofft, wenn andere verzweifeln, sondern der Mann, der verzweifelt, wenn andere hoffen, von den meisten Menschen als ein Weiser bewundert wird." Wenn man sagt, dass eine Katastrophe bevorsteht, wird man als Genie bezeichnet. Wenn man sagt, es werde besser — wird man als naiv hingestellt.
Die Haltung der Stoiker gegen die Angst war es, unsere eigene Sphäre der Freiheit zu bestimmen. Wir schaffen uns dadurch eine kleine, unbezwingbare Insel der Autonomie inmitten des unermesslich großen Flusses der Ereignisse. Epiktet beginnt sein Handbüchlein der Ethik mit der oft zitierten Aussage:
„Von den vorhandenen Dingen sind die einen in unserer Gewalt, die anderen nicht. In unserer Gewalt sind Meinung, Trieb, Begierde und Abneigung — kurz: alles was unser eigenes Werk ist."— Epiktet, Handbüchlein der Ethik
Und dann, im 48. Kapitel:
„Dies ist des Ungebildeten Standpunkt: niemals erwartet er von sich selbst Nutzen oder Schaden, sondern von der Außenwelt. Dies ist des Philosophen Standpunkt: allen Nutzen und Schaden erwartet er von sich selbst."— Epiktet
Ich fühle mich dem antiken Philosophieverständnis sehr verbunden. Philosophie wurde als Lebensform verstanden, als geistige Übung, die direkten Einfluss auf Leben und Handeln hat — nicht als akademische Disziplin.
An einer Säule des Apollontempels im Orakel von Delphi lasen die Pilger die Aufforderung „Γνῶθι σεαυτόν" — „Erkenne dich selbst!" Das berühmteste Orakel: Kroisos möchte Krieg führen und lässt fragen, ob er siegen wird. Pythia antwortet: „Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören." Er marschiert über den Fluss — und verliert sein eigenes Reich. Dann schickt er einen Brief nach Delphi: „Du, Apollon, bist ein trügerischer Gott!"
„Lerne, klüger zu fragen!"— Pythia von Delphi
So steht also am Anfang meiner Reise die Frage danach, wer ich bin. Die alten Mythen sagen: Wenn ich dem Ruf des Abenteuers folge, werde ich es erfahren. Und Joseph Campbell schrieb:
„Der Zufall, oder was wie Zufall aussieht, ist das Mittel, durch welches das Leben sich verwirklicht."— Joseph Campbell, Die Kraft des Mythos
José Ortega y Gasset schrieb, dass wir unser Leben vergleichen können mit einer Situation, in der man uns nach tiefem Schlaf plötzlich aufweckt. Wir befinden uns hinter den Kulissen einer Theaterbühne und stehen am Vorhang — bereit vor das Publikum zu treten, welches wir schon murmeln hören. Plötzlich stößt uns jemand nach vorn durch den Vorhang.
„Das Leben wird uns gegeben — besser gesagt, es wird uns zugeworfen. Jedoch, was uns gegeben wird, nämlich das Leben, ist ein Problem, das wir selber lösen müssen."— José Ortega y Gasset
Wir müssen das Handwerk der Freiheit lernen. An. Jedem. Neuen. Tag.