Ich ertappe mich dabei, dass ich zwischen beiden Polen ständig hin und her springe. Manchmal kommt mir mein eigener Körper fremd vor, manchmal ist mir ein Fremder vertrauter als mein nächster Verwandter.
Vor kurzem habe ich ein kurzes Video auf LinkedIn veröffentlicht: Wer wären wir ohne die Anderen? Als ich das Video meiner längst erwachsenen Tochter schickte, entspann sich auf WhatsApp ein Disput. Sie behauptete, alles komme aus uns selbst: jede Entwicklung, jede Entscheidung. Ich, ein wenig widerspenstig wie es Vätern zukommt, erwiderte, dass wir nie aus uns allein sprechen, sondern immer im Echo fremder Stimmen.
Ich ertappe mich dabei, dass ich zwischen beiden Polen ständig hin und her springe. Manchmal kommt mir mein eigener Körper fremd vor, manchmal ist mir ein Fremder vertrauter als mein nächster Verwandter. Vielleicht bauen wir unser Selbstbild wie ein Haus — doch die Steine dazu haben wir nicht selbst behauen.
Was ich „meins" nenne, ist oft nichts als Gewohnheit, in der ich es mir bequem gemacht habe. Fremdheit ist dann die Störung dieser Bequemlichkeit — manchmal bedrohlich, manchmal erhellend. Das Fremde entlarvt das Eigene. Ohne den Fremden bleibt das Eigene unsichtbar.
Nietzsche rät, „werde, der du bist" — und ich folge diesem Rat seit langem. Aber wer ist das „du"? Nie etwas Fertiges, immer etwas im Werden. Das Fremde ist bei Nietzsche das, was uns zwingt, uns zu überschreiten: das Chaos, aus dem der Tanzstern geboren wird. Wer das Fremde meidet, bleibt klein.
Mir scheint, das Besondere an uns Menschen ist, dass wir uns selbst zum Problem werden, weil wir als einziges Lebewesen früher oder später nach unserer eigenen Natur fragen. Damit werden wir uns selbst zum Rätsel.
Meine Tochter schrieb mir zurück: „Die Augen des anderen sind auch meine eigenen Augen. Ich glaube, wenn wir andere Menschen getroffen hätten, wären wir ein anderer gewesen." Und sie beschloss das philosophische Gedankenfragment mit: „Ich gehe jetzt mal in die Küche und denke noch ein wenig darüber nach…"
Philosophie im Messenger-Format. Zwischen Tiefgründigem und Alltäglichem. Max Stirner hätte ihr begeistert applaudiert. „Mir geht nichts über mich", schrieb er, und verwarf alles, was von außen kam, als „Spuk". Und doch: Was bleibt von Stirners „Einzigem", wenn man ihm Sprache, Geschichten, Gesten nimmt — alles Dinge, die er von anderen empfangen hat? Das radikal Eigene lebt doch auch vom Fremden, wie der Atem von der Luft.
Ich spielte oft allein draußen, erfand mir Welten, in denen ich der Held der Bücher und Filme war. Dort war ich Schöpfer, Sieger, Einziger. Parallel dazu aber die Parolen der Schule, das Kollektiv als Korrektiv.
„Der Einzelne hat zwei Augen / Die Partei hat tausend Augen."— Bertolt Brecht
Als Kind atmete ich das Kollektiv ein wie Luft; als Erwachsener spürte ich den fauligen Geruch der Ideologie. Zwischen Brechts tausend Augen und Stirners Einzigem verlief meine erste, unbewusste Lebensdialektik. Ich war mir selbst fremd, weil ich so selbstverständlich akzeptierte, was mir gar nicht gehörte.
Freud nennt das Unbewusste das „Unheimliche" — das Fremde, das mitten im Eigenen wohnt. C.G. Jung nennt es den Schatten — alles, was ich nicht sein will, aber doch bin. Aber wer den Schatten verdrängt, dimmt sein Licht.
Und dann die Krankheit: mein Körper, jahrzehntelang Vertrauter, wird plötzlich zum Gegner. Krebs ist das radikal Fremde in mir — ungerufen, unverständlich, bedrohlich und doch mein. Ich kann ihn bekämpfen oder umarmen, aber ich kann ihn nicht ignorieren. Und vielleicht ist er, wie Jung sagen würde, auch ein dunkler Mentor: eine Zumutung, die mich zwingt, mein Eigenes neu zu definieren.
Ich sehe meine Tochter und meine Enkel — und erkenne dieselbe Dialektik wieder. Jedes Kind ist ein Stück Fremdheit, das man lieben, verstehen, aushalten lernen muss. Verantwortung heißt vielleicht nichts anderes, als diese Ebenen zu integrieren: das Fremde des Kindes nicht zu bekämpfen, das Eigene des Elternteils nicht zu verschweigen.
In diesem Sinn war das Fremde für mich stets die eigentliche Quelle meiner Vitalität. Geistig zieht mich alles an, was aus der Reihe fällt, was hervorsticht aus dem Gewohnten. Das Fremde ist also nicht nur Zumutung, sondern auch Verlockung. Vielleicht sogar unser stärkstes Lebenselixier.
Gesellschaften, die ihr Eigenes verlieren, werden verschluckt. Menschen, die ihr Eigenes preisgeben, verlieren ihre Stimme. Offenheit allein genügt nicht; sie braucht ein Zentrum, einen festen Kern.
Für mich persönlich heißt das: den Krebs nicht nur als Fremden zu sehen, der mich bedroht, sondern als Spiegel, der mich zwingt, mich neu zu finden. Ein starkes Eigenes kann das Fremde aufnehmen, ohne daran zu zerbrechen.
So bleibt das Leben ein Tanz zwischen Eigenem und Fremdem: nicht immer harmonisch, oft voller Zumutungen, aber immer notwendig. Womit wir bei Heraklit wären, der meinte, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen.